Stehsitz

Der Stehsitz ist als Konzept zur Erhöhung der passiven Sicherheit in Kraftomnibussen etnwickelt worden. Der Kraftomnibus wird in vielen Publikationen als eines der sichersten Verkehrsmittel überhaupt genannt. Gemessen an seiner Verkehrsleistung nach Personen-Kilometern ist die Gefahr, mit dem Bus zu verunglücken, gegenüber dem Pkw deutlich geringer.

Vielleicht wurde daher die Entwicklung der passiven und aktiven Sicherheitssysteme bei Bussen nicht in dem Maße wie beim Pkw vorangetrieben. Erst in den letzten Jahren sind verstärkt Maßnahmen ergriffen worden, beispielsweise die Aufbaufestigkeit der Busse im Hinblick auf die passive Sicherheit zu optimieren. Auch Fragestellungen wie die Gurtpflicht finden erst seit wenigen Jahren Berücksichtigung.



Im Bereich der aktiven Sicherheit sind als Beispiele die Ausrüstung der Fahrzeuge mit Antiblockiervorrichtungen und die ergonomische Gestaltung des Fahrerplatzes zu nennen.

Es fällt jedoch auf, dass die Anwendung passiver Sicherheitselemente bei Linienbussen nicht im gleichen Maße forciert wird, wie es bei Reisebussen der Fall ist. Die geringen Fahrgeschwindigkeiten von Linienbussen erwecken den Anschein, dass die Folgen kollisionsbedingter Unfälle entsprechend niedriger ausfallen müssten. Dennoch hat die Erfahrung aus der Praxis unserer forensischen Tätigkeit gezeigt, dass sich auch oft im innerstädtischen Linienverkehr Unfälle ereignen, die Verletzungen von Businsassen nach sich ziehen; oftmals auch ohne dass ein Bus in eine Kollision verwickelt war. In vielen Fällen sind die Verletzungen darauf zurückzuführen, dass der verunfallte Fahrgast sich nicht ständig ausreichend sicheren Halt verschafft hat, wie es die Beförderungsbedingungen der Verkehrsbetriebe nach ständiger Rechtssprechung vorschreiben.

In einer Untersuchung in Zusammenarbeit mit unserem Büro wurden verschiedene Aspekte der Stand- und Sitzsicherheit von Kraftomnibus- Insassen im innerstädtischen Linienverkehr beleuchtet. Im Ergebnis konnte festgehalten werden, dass die im Bus stehende, sich festhaltende, ältere Dame aufgrund ihrer eingeschränkten physischen Leistungsfähigkeit schon durch Kräfte, die im normalen Fahrbetrieb auftreten, zu Fall kommen kann.

Die Sturzgefahr ist bei einem Insassen weitaus geringer als bei einem stehenden Fahrgast. Derzeit liegt der Anteil an Stehplätzen in einem Omnibus des öffentlichen Personennahverkehrs bei etwa 65 bis 70 % gegenüber den Sitzplätzen. Zur Verminderung des Unfallrisikos liegt es deshalb nahe, den Anteil an Sitzplätzen zu erhöhen. Da dies allerdings zu Lasten des Gesamtangebotes an Plätzen im Bus geht, ist ein Konzept zu entwickeln, bei dem die Sicherheit des sitzenden mit dem geringen Platzbedarf eines stehenden Fahrgastes kombiniert wird:

Basierend auf der oben gezeigten Idee ist ein Prototyp eines sogenannten „Stehsitzes“ im Ing.-Büro Schimmelpfennig + Becke realisiert worden (Schimmelpfennig K.-H.: Sitzanordnung für der Personenbeförderung dienende Fahrzeuge, Patent-Nr: 19814548.9 ):

Die Körperhaltung ist mit derjenigen zu vergleichen, die man auch bei Stehhilfen wiederfindet, die in der Gastronomie und bei zahlreichen Arbeitsplätzen (hohe Tische, Maschinen, Zeichenbretter) eingesetzt wird. Wie der Name „Stehsitz“ ausdrückt, beinhaltet diese Körperhaltung ein geneigtes Stehen mit Abstützung im Gesäßbereich. Zusätzlich ist der Stehsitz mit einer transparenten, elastischen Rückenlehne ausgestattet. Hierdurch wird dem Busfahrer die Übersicht über das Geschehen im Bus gewährleistet. Dem Fahrgast im Stehsitz wird ein Anlehnen ermöglicht.

Die Rückenlehne hat zudem auch eine zweite Funktion. Sie dient als passives Rückhalteelement. Bei starken Verzögerungen, bei denen sich die Insassen der Trägheitskraft folgend nach vorne bewegen, dient die Rückenlehne des davor angeordneten Stehsitzes als Rückhaltesystem, das einen ansonsten möglichen Sturz verhindert. Auch bei einer Kollision kann dieses Rückhaltesystem den im Linienbus nicht vorhandenen Anschnallgurt ersetzen.

Die Befragung verschiedener Verkehrsbetriebe ergab, dass ältere Leute oftmals schon vor Erreichen der Haltestelle und damit vor dem Einsetzen der Bremsverzögerung ihren Sitzplatz verlassen, um rechtzeitig den Ausstiegsbereich zu erreichen. Das Aufstehen vom Sitz fällt insbesondere älteren Fahrgästen schwer. Dieser Aufrichtvorgang entfällt beim Stehsitz. Deshalb können auch Fahrgäste mit konstitutionellen Einschränkungen auf ihrem Platz verharren, bis der Bus zum Stillstand gekommen ist.

Der gezeigte Prototyp ist unter funktionalen Gesichtspunkten entwickelt worden. Mit einer Vielzahl von Probanden aller Altersgruppen wurden hiermit ergonomische Daten festgelegt. Derzeit wird in Zusammenarbeit mit der Industrie ein Modell konzipiert, das auch insbesondere den Aspekt einer zeitgenössischen Formgebung erfüllt. Aufgrund der gänzlichen neuen Art des Sitzens stellt diese Arbeit für den Designer eine große aber auch interessante Herausforderung dar.

StehsitzBild vergr��ern
StehsitzBild vergr��ern
StehsitzBild vergr��ern
StehsitzBild vergr��ern